Brille runter!

Laut einer StepStone-Studie unter 28.000 berufstätigen Menschen hat sich jeder Vierte vor dem Hintergrund der Krise dazu entschieden, bald den Job zu wechseln. Das hat mehrere konkrete Gründe, auf Platz Nummer 1 steht aber die fehlende Sicherheitsbefriedigung im aktuellen Job –gesucht wird also der krisenfeste Arbeitgeber.

Aber welcher Arbeitsplatz ist denn heute noch sicher? Richtig – der öffentliche Dienst und seine großen und kleinen Schwestern und Brüder. Und wenn man solch einen Arbeitgeber gefunden hat, dann ist man doch den Rest des Arbeitslebens immer hoch engagiert und super zufrieden – oder? Pustekuchen, es entwickeln sich Haltungen und Handlungen, die ich nicht verstehen und akzeptieren kann.

  1. Eine Mitarbeiterin einer Krankenkasse hat noch einige Tage Resturlaub und kann diese bis weit in das neue Jahr mit reinnehmen, abgesichert durch eine entsprechende Betriebsvereinbarung. Durch den harten Corona Lockdown ist das ganze Team im Homeoffice und persönliche Termine mit Kunden sind nicht möglich. Die Zeit ist günstig, um aufzuräumen, zu digitalisieren, sich weiterzubilden, oder eben auch, um den restlichen Urlaub zu nehmen. Denn nach dem Lockdown ist vor dem Aufschwung. Trotz mehrfacher Bitten und Erklärungen des Vorgesetzten lehnt die Mitarbeiterin dieses Entgegenkommen ihrerseits ab. Erwähnte ich, dass für das neue Jahr auch wieder mehr als 30 Tage Urlaub bereitstehen, die dann wieder…na Sie wissen schon.
  2. Führungskräfte der mittleren Management Ebene eines Städtischen Betriebes erhalten die Möglichkeit, in einem Ziele-Workshop gemeinsam die Wege und Instrumente für das angepeilte Jahresergebnis zu erarbeiten. Bei der Diskussion zu den Erwartungen wurde durch einige Teilnehmer sehr viel Energie darauf verwendet, klar zu machen, dass man selbst gar keine Notwendigkeit sieht, an diesem Workshop mitzuwirken, weil man selbst alles richtig macht. Die Probleme haben die Anderen, die Geschäftsführung sieht nicht durch, der Wasserkopf wird immer größer und überhaupt…alles Idioten. Erwähnte ich, dass auf Nachfragen zu den aktuellen Unternehmenszielen keine Antworten gegeben wurden…wo man die denn finden würde…
  3. Eine Beamtin im höheren Dienst versicherte mir im privaten Kontext voller Stolz, dass sie es jedes Quartal gut eingeplant bekomme, die 3 Tage Krankschreibung ohne Krankenschein so zu verbasteln, dass sie keine Urlaubstage für Handwerker oder Behördentermine verbrauchen muss. Erwähnte ich, dass sie diese 3 Tage pro Quartal als etwas empfindet, was ihr rechtlich „zusteht“?

Ich würde gern an dieser Stelle etwas Humorvolles einbauen in die Beispiele, mir fällt aber nichts ein. Wir haben hier Menschen, die mit einem guten Verdienst in einem fast unkündbaren Arbeitsrechtsverhältnis bei einem „Traumarbeitgeber“ den gewünschten Platz gefunden haben. Aber dann ist gern mal die Luft raus. Ist das wie der Spruch „Beim Happy End wird abjeblendt?“ Kann man eventuell aus der Eheberatung etwas adaptieren, da ist ja auch gern mal nach 10 Jahren der Ofen aus:

  1. Rosa Brille abnehmen beim Arbeitsvertrag unterschreiben – will ich wirklich in eine Beamtenbude?
  2. Ich habe meinen Partner/Job sicher, deshalb lasse ich gern mal den Schlabberpulli an – reduziert zielsicher die Attraktivität. Mal wieder sexy Unterwäsche anbieten?
  3. Angebot von Kommunikationstrainings für Arbeitgeber, damit man das „Meckern“ als Form des Lobs erkennen kann?

Mir tun Menschen leid, die in ihrer Arbeit nicht zufrieden sind und nichts daran ändern und es liegt eben nicht allein am Arbeitgeber! Das Bedürfnis nach Sicherheit ist gern auch mal ein schlechter Ratgeber.

Von Kerstin Hattar